Mattmark-Stausee

Die Kraft der Natur

Eine Person, die noch nie am Mattmark war oder geschweige denn von ihm gehört hat, fragt sich wahrscheinlich, was macht diesen Ort so besonders? So war es auch bei mir, als ich das erste Mal von dem Ort gehört habe. Für viele im Saastal ist der Mattmark ein Kraftort, ein Platz, um auf andere Gedanken zu kommen, um abzuschalten, die Natur zu geniessen oder um mal dem stressigen Alltag zu entkommen. Aber auch ein Ort mit schmerzhaften Erinnerungen.

Dies durfte ich auch bei meinem ersten Besuch zum Mattmark im August 2021 erfahren. Hier könnte ich vor Ort direkt diese Kraft des Stausees spüren und das erste Mal sehen, wie atemberaubend sich die Sonne in dem türkisblauen Wasser spiegelt.

Mattmark im Sommer 2021

Um diesem Blogbeitrag zum Mattmark gerecht zu werden, holte ich mir Hilfe von Rolf Zurbriggen. Sein Vater Adolf Zurbriggen arbeitete 31 Jahre beim Kraftwerk Mattmark als Dammwärter und hat schon damals die Besichtigungen des Kraftwerkes durchgeführt. So hatte Rolf vielmals die Gelegenheit, dieses einmalige Bauwerk kennenzulernen. Um alles besser zu verstehen, müssen wir am Rad der Zeit drehen, denn unsere Geschichte dieses eindrucksvollen Ortes beginnt im 17 Jahrhundert.

Vorgeschichte
Mattmark war eine 1.5 km² grosse Ebene ca. 5 km unterhalb des Monte Moro Passes. Im hinteren Teil war die Distelalpe. Sie war die grösste Saaser Alpe und jede Gemeinde hatte dort eine Alphütte. Im Sommer weideten dort mehr als 100 Kühe, Schafe und Ziegen. Das untere Ende der Ebene wurde durch eine grosse Gletscher-Moräne abgeschlossen. Der Allalingletscher reichte zum Talgrund und sperrte als natürliche Staumauer den Lauf der Vispe, so bildetet sich ein sogenannter Gletscherrandsee. Immer wieder brach der See aus und richtete schwere Verwüstungen im Saastal. In der Saaser Chronik sind 25 Ausbrüche beschrieben. Die Mattmarkflutwelle vom 4. August 1633 traf die Saaser Bevölkerung schwer. Fast die Hälfte verlor ihr Hab und Gut und war gezwungen auszuwandern.

Mattmarksee, entstanden 1818 durch Vorschub eines Moränenwalls (südliche Seitenmoräne des Allalingletschers), Saastal, Wallis, Zustand im Sommer 1867. Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Braun, Adolphe

1856 liess der Kirchherr von Saas in der Nähe des blauen Steins ein Hotel bauen. Dies war wichtig als Ausgangspunkt für verschiedene Bergtouren und auch als Raststätte für die Leute, die von Saas-Almagell nach Italien wollten. Im Sommer kamen auch viele wegen der Vielfalt von Flora und Fauna. Von 1870 bis 1895 stand der Schmuggel in Hochblüte. Viele Männer vom Saastal arbeiten in den Goldminen in Magugnaga. So kannten sich die Saaser und Ihre italienischen Freunde sehr gut und es war einfach Kaffee, Zigaretten und Saccharin in Italien abzusetzen. Die Grenzgänger brachten vor allem Kupferkessel zum Kochen, Reis und andere Lebensmittel zurück nach Hause. Auch die Eheringe waren in Italien viel billiger.

Hotel Mattmark Aus der Postkarten Ausstellung von Thomas Burgener
Postkarte Fotograf: Gyger, Emanuel.

Die Anfänge vom Bau des Staudamms

Schon 1920 untersuchten Ingenieure, ob sich die Mattmarkebene für eine Stauanlage zwecks Elektrizitätserzeugung nutzen lasse. Zu Beginn der 50 Jahre interessiert sich die Elektrowatt in Zürich und reichte 1954 ein Vorprojekt ein. 11 Gemeinden haben der Elektrowatt die Wassernutzungsrechte erteilt.

So wurde 1959 im Hotel Beau-site in Saas-Fee die Kraftwerke Mattmark AG gegründet. Um die Arbeiten am Staudamm zu beginnen, wurden in den Jahren 1958 und 1959 die sechs Meter breite Fahrstrasse von Saas-Almagell bis zum Damm gebaut. Vor der Erstellung des Staudammes wurde zur Abdichtung des Untergrundes ein Injektionsschirm angelegt. Die Bohrlöcher gingen bis in den Felsen und sie wurden mit flüssigem Beton ausgefüllt. Darauf wurde ein Drainagestollen gebaut, durch diesen Stollen könnten die Arbeiter jederzeit unterhalb des Staudammes ihre Kontrollgänge von der Drosselklappe bis zur Messkammer durchführen.

Von 1960 bis 1967 wurde auf einer Breite von 373 m und einer Länge von 780 m das gefilterte Moränenmaterial von der Süd- und der Nordmoräne des Allalingletschers aufgeschüttet. So entstand mit einer Höhe von 120 m und einem Volumen von 10.5 Mio. Kubik der grösste Erddamm Europas. Gleichzeitig wurden die Zuflussstollen erstellt. So wurde auf der linken Talseite das Wasser vom Allalin- und dem Hohlaubgeltscher und auf der rechten Seite das Wasser vom Furgg-, vom Almageller- und vom Triftbach in den Stausee geleitet.

Fotograf E. Brügger Zürich KWM Mattmark Baustelle

1961 wurde die Wohnsiedlung Zermeiggern mit 20 Häusern und Ställen und einer kleinen Kapelle abgerissen. Es musste für das Ausgleichbecken weichen. Auf der rechten Seite in Zermeiggern wurden 6 grosse Kantinen für die Beherbergung und die Verpflegung der Arbeiter errichtet. Im Sommer arbeiteten bis zu 1300 Personen auf den Baustellen des Kraftwerkes. Bis 1965 gingen die Arbeiten planmässig voran.

Der Gletscherabbruch und die Jahre danach

Am 30. August 1965 um 17:10 ereignete sich eine furchtbare Naturkatastrophe. 1 Mio. m² Eis trennten sich vom Allalingletscher und verschütteten die Baustelle mit verschiedenen Baracken beim Mattmark. 88 Arbeiter, darunter 56 Gastarbeiter aus Italien, wurden von einer hohen Eislawine verschüttet und verloren ihr Leben. Das war für die Saaser Bevölkerung, der gesamten Schweiz und auch für Italien ein grosser Schock. In der neuen Kapelle in Zermeiggern wurden die Namen der Verunglückten auf einer Steinplatte eingraviert.

Erst 1 Jahr später hat man mit der Fertigstellung des Staudamms begonnen und er wurde 1967 vollendet. Die Einweihung und der Vollbetrieb der Anlage erfolgten 1969. Der Stausee wird seitdem als Speicherkraftwerk betrieben, das heisst im Mai ist der Stausee leer und Mitte September ist er voll. Die von der 2 Kraftwerken produzierte Energiemenge beträgt 680 Mio. kWh. Es wird vor allem Spitzenenergie für den Winter erzeugt. In den Jahren 1983-1987 errichtete die Gesellschaft eine Pumpstation in Zermeiggern, welche die Wassermengen vom Ausgleichsbecken wieder in den Stausee pumpt. Es werden pro Jahr ca. 10 Mio m³ Wasser hochgepumpt.

Am 24. September 1993 wurde das Oberwallis von einem starken Unwetter heimgesucht. Brig wurde überschwemmt. Das Saastal und Visp wurden dank der Staureserve vom Mattmarksee weitgehend verschont. Man konnte alle Seitenbäche zum Mattmarkstausee zurückleiten und dann später gezielt über den Mittelablass abfliessen lassen. Auch im Oktober 2000 gab es wieder eine ähnliche Situation. Auf Grund dieser Erkenntnisse hat der Kanton 2001 den Staudamm zu einem Mehrzweckspeicher umgebaut. Ab diesem Zeitpunkt steht dem Kanton Wallis ein Rückhaltevolumen von 2.6 Mio m³ zur Verfügung.

Im Jahr 2007 wurde der Stausee entleert, um nach 50 Jahren alle Sicherheitsanlagen wie die Drosselklappen, die Schützen beim Grundablass und auch beim Mittelablass zu erneuern. Das Restwasser wurde im April über den Grundablass in die Vispe geleitet. Das Kraftwerk beauftragte den kantonalen Fischerverband wieder Regenbogen- und Bachforelle im See und in der Vispe einzusetzen.

Mattmark heute

2008 wurde auf der Dammkrone ein neues Restaurant gebaut. Im 1. Stock befinden sich die Büros der Kraftwerke Mattmark AG und der Ausstellungsraum, wo man jederzeit den Film von der Entstehung des Staudammes sehen kann.

Heute dient der Staudamm nicht nur als Stromversorger, sondern ist auch ein wundervoller Ort zum Wandern. Wer will, kann eine kleine Runde um den Stausee drehen. Zuhinterst vom Stausee ist die neue Hütte der Distelalpe. Auf allen Alpen kann man die schwarzen Eringer Kühe bewundern. Für eine längere Wanderung sorgt die hochalpine Wanderung, welche bei der Felskinnbergstatio in Saas-Fee beginnt und über den Allalin- und Hohlaubglgletscher bis hinunter zum Mattmark führt. Auf alten Schmugglerwegen können Sie von Mattmark zum Monte-Moro Pass wandern und beim Besuch der goldenen Maria die Aussicht auf die Monte-Rosa Ostwand geniessen. Wer lieber auf 2 Rädern unterwegs ist, der kann auch mit dem Mountainbike den Stausee umfahren. Bei einer Wanderung um den See kann es auch sein, dass man die begehrte Heilpflanze Arzneipflanze Rosenwurz entdeckt. Diese wirkt beruhigend gegen Stress. Da sie geschützt ist, wird diese Pflanze von der Forschungsanstalt Agroscope nachgezüchtet.

Mattmark und die Eringer Kühe im Sommer 2021

Wer sich ein Bild über die Geschichte des Mattmark machen will, dem empfehle ich die Postkarten Ausstellung von Thomas Burgener, welcher seit 40 Jahren geschriebene Ansichtskarten sammelt. Vom Dezember 2021 bis zum Oktober 2022 stellt Thomas im Haus Alma gegenüber dem Saaser-Museum in Saas-Fee ein Teil seiner umfangreichen Ansichtskartensammlung aus. Auf 10 Tafeln sind rund 250 originale Postkarten aus der Zeit von 1890 bis heute vom Saastal ausgestellt. Die Ausstellung zeigt die Geschichte der Ansichtskarte, unteranderem sind auch Postkarten vom Mattmarkgebiet vorhanden.

Als Andenken an die verunglückten Arbeiter, wird seit 2019 der Mattmark Memorial Halbmarathon organisiert. Die Strecke gilt als schwierig, da es 810 Höhenmeter zu überwinden gibt. Gestartet wird bei der Rundkirche in Saas-Balen. Danach führt die Strecke durch herrliche Lärchenwälder vorbei an Saas-Grund und Saas- Almagell bis zur Eienalpe. Auf historischen Wegen gelangt man dann in einem angenehm zu bewältigenden Anstieg auf die Staumauer. Schliesslich folgt der schönste Teil für die Läuferinnen und Läufer, die 7 Kilometer praktisch flache Runde um den malerischen Mattmarksee.

Mattmark Halbmarathon 2021

Genau diese belebende Geschichte hat Rolf Zurbriggen dazu bewogen, den Gästen des Saastals zu erzählen, wie Mattmark früher war und wie der wunderbare Staudamm entstanden ist. Dieser Anlass wird vom Saastal Tourismus organisiert.

Weitere Informationen:

  • Datum & Zeit: jeden Dienstag | 14:00 Uhr
  • Treffpunkt: Bei der Infotafel vor dem Restaurant Mattmark
  • Preis (inkl. Apéro): CHF 12.- | CHF 10.- mit SaastalCard
  • Hinweis: Deutsch | Ab 5 Personen
  • Anmeldung: bis am Vorabend 18:00 Uhr | Service Center Saas-Almagell + 41 27 958 18 88 | info@saas-almagell.ch
Rolf Zurbriggen bei einer Führung des Mattmarks