Barrierefreies Skifahren in Saas-Fee
Sean Rose: Eine Geschichte von Resilienz im Schnee
Der Gletscher oberhalb von Saas-Fee liegt an diesem Februarmorgen weit und hell vor uns. Der Schnee ist kompakt, der Himmel klar, die Berge zeichnen sich scharf im winterlichen Licht ab. Ich stehe mit Sean Rose auf der Piste und blicke hinauf zu den Gipfeln, während er letzte Anpassungen an seinem Sitzski vornimmt. Dann fahren wir los und ziehen unsere Schwünge über frisch präparierte Hänge.
Rose ist ehemaliger paralympischer alpiner Skirennfahrer, Weltcup-Medaillengewinner und Winter-X-Games-Teilnehmer, der über ein Jahrzehnt lang Grossbritannien vertreten hat. Heute leitet er das Unternehmen Seated Sports, arbeitet als Speaker und reist als TV-Kommentator zu grossen Sportveranstaltungen. Doch an diesem Morgen in Saas-Fee tut er einfach das, was sein Leben seit Jahren prägt: Skifahren.
„Ich werde ziemlich emotional, wenn ich über das Skifahren spreche“, sagt er später bei einem Kaffee im Bergrestaurant. „Ich habe immer einen Kloss im Hals.“
Skifahren bestimmte sein Leben lange bevor es dieses veränderte. Im Jahr 2000 brach er sich bei einem Skiunfall den Rücken und erlitt eine Rückenmarksverletzung. Die Monate danach waren von Unsicherheit und Schmerz geprägt.
„Es gab dunkle Zeiten“, erinnert er sich. „Viele Momente im Krankenhaus, in denen ich einfach an die Decke gestarrt habe und mich fragte: Wie geht es weiter? Was wird aus meinem Leben?“
Selbst in dieser Phase versuchte er, nach vorne zu schauen. Seine Zeit beim Militär, so sagt er, habe seine Fähigkeit geprägt, sich anzupassen und Herausforderungen zu überwinden. Er begann Listen zu schreiben mit Dingen, die er weiterhin tun könnte — ein bewusster Fokus auf Möglichkeiten statt auf Verlust.
„Gibst du auf? Oder machst du weiter?“, sagt er. „Ich wollte das Positive sehen.“
Ein Jahr nach seinem Unfall ging er mit einer Charity-Organisation in Winter Park, Colorado, erstmals wieder Skifahren — eine Reise für Menschen mit Rückenmarksverletzungen. Der Sitzski erschien ihm zunächst wie ein Kompromiss.
„Ich dachte, das werde ich nicht geniessen. Das wird langweilig im Vergleich zu früher.“
Doch schon nach zwei Schwüngen war klar: Das Gegenteil war der Fall.
„Ich machte zwei Kurven und dachte nur: Das ist unglaublich!“
Eine zweite Karriere im Schnee
Dieser Moment markierte den Beginn einer zweiten Karriere. Einige Jahre später nahm er an einem lokalen Rennen in Colorado teil — einem Slalom im Rahmen einer Benefizveranstaltung. Aufgrund eines Handicap-Starts wurde er mit Vorsprung ins Rennen geschickt und glaubte kurzzeitig, die Bestzeit zu setzen. Doch auf halber Strecke zog ein anderer Sitzskifahrer mit deutlich höherer Geschwindigkeit an ihm vorbei.
Das Erlebnis blieb hängen. Es reichte nicht mehr, einfach wieder Ski zu fahren — er wollte wettkämpfen.
Zurück zu Hause traf er eine klare Entscheidung. Er kündigte seinen Job, packte sein Leben zusammen und zog nach Kanada, um professionell zu trainieren. „Ich möchte Rennfahrer werden“, sagte er seiner Freundin. In Kimberley, British Columbia, trainierte er fünf Tage pro Woche und legte die technische sowie körperliche Basis für internationale Wettkämpfe.
Es folgte eine zehnjährige Profikarriere. Rose startete im NORAM- und Weltcup-Circuit, vertrat Grossbritannien bei Paralympischen Spielen und stand international auf dem Podium — darunter mit einem Weltcupsieg in Sestriere.
Mehr als Ausrüstung: Barrierefreiheit in den Alpen neu denken
Während eines Bergrettungskurses in Grossbritannien lernte Rose Mike Laurenson kennen. Zwischen praktischen Übungen und Gesprächen über das Leben in den Bergen entwickelte sich ein Austausch über ein grösseres Thema: eine Initiative in Saas-Fee, die echte Barrierefreiheit im Skisport schaffen möchte.
Die Idee fand bei Rose grossen Anklang, denn für viele adaptive Skifahrerinnen und Skifahrer beginnt die Herausforderung nicht erst auf der Piste — sondern lange vor der ersten Kurve.
Die Para-Alpine Skiing Initiative Saas-Fee wurde von Mike Laurenson, Frank Bernath (Eskimos) und Ben Shubrook (Bespoke Snowsports) in Zusammenarbeit mit der Schweizer Skischule Saas-Fee gegründet. Ziel ist es, Menschen aller Fähigkeiten ein inklusives und unterstütztes Skierlebnis zu ermöglichen.
Von Anfang an ging es dabei um mehr als adaptive Ausrüstung. Sitzskis und spezialisierte Instruktoren sind essenziell — doch Barrierefreiheit bedeutet auch Koordination, Beratung und Begleitung. Auf Wunsch unterstützt die Initiative bei der Suche nach geeigneten Unterkünften, klärt Liftzugänge und hilft bei organisatorischen Fragen, um ein nahtloses Erlebnis von der Anreise bis zur Abreise zu schaffen.
In einer hochalpinen Destination wie Saas-Fee/Saastal ist dieser ganzheitliche Ansatz besonders relevant. Viele Unterkünfte sind barrierefrei, und Highlights wie das Mittelallalin auf 3’500 Metern sind über die höchste unterirdische Standseilbahn der Welt erreichbar — inklusive Zugang zum höchsten Drehrestaurant der Welt. Von dort erhebt sich direkt gegenüber der Dom, mit 4’545 Metern der höchste Berg der Schweiz.
Doch Infrastruktur allein schafft keine Inklusion. Entscheidend sind Partner, die sowohl den Berg als auch die individuellen Bedürfnisse adaptiver Skifahrer verstehen.
Für Rose ist genau diese Koordination ausschlaggebend.
„Es gibt so viele Menschen, die einfach etwas Neues ausprobieren oder die Berge genauso erleben möchten wie wir alle. Aber sie brauchen eine Chance.“
Wenn Barrierefreiheit als Gesamtpaket gedacht wird, entsteht Attraktivität: „Dann schauen die Leute darauf und sagen: Genau dort möchte ich hin.“
Während seines Aufenthalts testete er Pisten und Lifte und erlebte Gletscher sowie Dorf aus erster Hand. Die Schneeverhältnisse seien „unglaublich“, das Skifahren „beeindruckend“ — und selbst mit den praktischen Herausforderungen eines Sitzskis funktioniere das Liftsystem „absolut hervorragend“.
Über die Para-Alpine Skiing Initiative Saas-Fee
Die Para-Alpine Skiing Initiative Saas-Fee ist ein gemeinsames Projekt der Schweizer Skischule Saas-Fee, Eskimos und Ski Zenit. Ziel ist es, Skifahren in Saas-Fee für Menschen aller Fähigkeiten zugänglich, inklusiv und erlebbar zu machen.
Angebot:
- Persönliche Unterstützung vor und während des Aufenthalts — von barrierefreien Unterkünften über Liftzugang bis zur Planung eines individuell abgestimmten Skierlebnisses
- Adaptive Ausrüstung für Einsteiger und erfahrene Sitzskifahrer (Bi-Unique Sitzskis, Tessier Tempo Dualski & Monoski, Praschberger Monoski, Tessier Snow Kart)
- Professioneller Unterricht durch speziell ausgebildete Instruktoren im Bereich Para-Alpinski
Zielgruppe:
Erwachsene und Kinder mit eingeschränkter Mobilität, Sehbeeinträchtigungen oder kognitiven Einschränkungen, die Skifahren in Saas-Fee erleben möchten.
Kontakt:
Para-Alpine Skiing Saas-Fee
Obere Dorfstrasse 62, 3906 Saas-Fee
📞 +41 78 332 44 08
📧 enquiries@paraalpineskiing-saas-fee.ch
Über Risiko, Entwicklung und Perspektive
Am Morgen auf dem Gletscher waren seine Schwünge ruhig, präzise und kontrolliert. Die technische Basis eines ehemaligen Spitzensportlers war unverkennbar — in Balance, Linienwahl und Timing. Mit einem Hintergrund im Abfahrtslauf gehört das Thema Risiko unweigerlich dazu.
Als ich ihn auf seine Einstellung zum Risiko anspreche und frage, ob er sich als risikofreudig bezeichnen würde, schüttelt Rose den Kopf.
„Ich mag dieses Gefühl, mich ein wenig am Limit zu bewegen. Es wirkt für mich nicht mehr verrückt, weil ich mich Tag für Tag langsam weiter gesteigert habe.“
Für ihn bedeutete Fortschritt nie den einen grossen, dramatischen Sprung. Vielmehr ging es darum, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln — jedes Mal ein wenig weiter zu gehen, Grenzen kennenzulernen und sie behutsam zu erweitern, bis das, was einst einschüchternd wirkte, plötzlich einfach zum nächsten Level wurde.
Dieselbe Haltung prägt auch seinen Blick auf Rückschläge. Er bezeichnet sie als „Bodenwellen des Lebens“. Sie bremsen, sagt er, doch sie bedeuten keineswegs das Ende des Weges.
„Möchtest du zurückblicken und sagen: Ich kann nicht glauben, dass ich das getan habe — oder: Ich wünschte, ich hätte es getan?“
Heute bestreitet Rose keine Wettkämpfe mehr. Im März 2026 reist er zu den Paralympischen Winterspielen in Italien, wo er als TV-Kommentator arbeitet. Nach Jahren im Startgate analysiert er nun Läufe, erzählt Geschichten und bringt die Perspektive eines Athleten mit, der genau weiss, wie sich dieser Moment anfühlt.
Bevor wir zurück auf die Piste gehen, stelle ich ihm eine letzte Frage: Was bedeutet Freiheit?
„Freiheit bedeutet, unabhängig zu sein.“
Auf Skiern wird diese Unabhängigkeit zu Bewegung. Und an diesem Februarmorgen in Saas-Fee war sie in jeder Kurve sichtbar.




