{"id":3512,"date":"2020-11-03T08:15:13","date_gmt":"2020-11-03T07:15:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/?p=3512"},"modified":"2023-10-22T14:21:50","modified_gmt":"2023-10-22T12:21:50","slug":"die-kaempferin-und-ihr-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/2020\/11\/die-kaempferin-und-ihr-traum\/","title":{"rendered":"Die K\u00e4mpferin und ihr Traum"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>82 Millionen Einwohner z\u00e4hlt ihre Heimat. Doch \u00d6zlem Carikcioglu ist als Skirennfahrerin eine Exotin auf dem Gletscher von Saas-Fee. Unterkriegen l\u00e4sst sie sich trotzdem nicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Fr\u00fchling in Istanbul. Kein gew\u00f6hnlicher. Denn die M\u00e4rkte sind leer und fast alle Gesch\u00e4fte geschlossen. Nur langsam finden die Menschen in der 15-Millionen-Metropole wieder in die Normalit\u00e4t zur\u00fcck. Die Corona-Pandemie traf Istanbul sp\u00e4ter als Mitteleuropa, aber ebenfalls mit ziemlicher Wucht. \u00abEine Zeit lang war es hier ziemlich crazy\u00bb, sagt \u00d6zlem Carikcioglu. Sie sitzt im Wohnzimmer des Hauses ihrer Grossmutter, das etwas ausserhalb von Istanbul liegt. Draussen im Garten k\u00f6nne sie ihr Fitnessprogramm trotz der Ausgangsbeschr\u00e4nkung absolvieren, sagt die 26-J\u00e4hrige: \u00abDamit ich fit bleibe f\u00fcr die Skisaison.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>82 Millionen Einwohner z\u00e4hlt \u00d6zlems Heimatland. F\u00fcr Schneesport interessieren sich in der T\u00fcrkei, wo der Bosporus Europa und Asien teilt, nur die Wenigsten. Dabei hat das Land, das f\u00fcr viele Mitteleurop\u00e4er eine beliebte Badeferiendestination ist, auch einige Skigebiete zu bieten. Eines davon ist Uludag. Hier, vier Autostunden von Istanbul entfernt, stand \u00d6zlem zum ersten Mal auf Skiern \u2013 es ist der Anfang einer grossen Leidenschaft.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00abIn der T\u00fcrkei ist alles ein bisschen anders; ein bisschen schwieriger als hier\u00bb, sagt \u00d6zlem. Sie meint die Strukturen des Skiverbands. Von professionellen Trainings kann sie in der kleinen Skination nur tr\u00e4umen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Olympiasieger und Exoten<\/strong><br>Es ist Herbst in Saas-Fee. Langsam f\u00e4rben sich die L\u00e4rchen rund um das Dorf orange. Eine erste d\u00fcnne Glasur aus Schnee hat sich fast bis ganz hinunter ins Tal gelegt. Oben auf den Gletscherpisten auf rund 3500 Metern ist immer ein bisschen Winter. Hier bereiten sich ab Juli viele der besten Schneesportler der Welt auf den Winter vor: Kanadier stecken ihre Slalomstangen neben die ausgeflaggten L\u00e4ufe der Schweizer. US-Amerikaner und Australier rasen \u00fcber die Skicross-Strecke. Schweden und Norweger perfektionieren auf den Kickern und Rails des Snowparks ihre Tricks. F\u00fcr fast vier Monate im Jahr wird Saas-Fee zu so etwas wie zum olympischen Dorf f\u00fcr Schneesportler. Ein paar Zahlen belegen dies eindr\u00fccklich: \u00dcber 80 Teams trainieren teils gleichzeitig auf den Pisten des Feegletschers. Von vielversprechenden Nachwuchsfahrern bis hin zu Olympiasiegern. Aus Zwergstaaten und grossen Skinationen. 41 Medaillengewinner der letzten Spiele in S\u00fcdkorea bereiteten sich in der Vorsaison in Saas-Fee auf den Saisonh\u00f6hepunkt vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittendrin ist auch \u00d6zlem. Seit den ersten Ski-Versuchen auf dem pappigen Schnee von Uludag hat sie eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. Dass sie Talent hat, war schon fr\u00fch klar. Bald schafft sie es in das Nachwuchskader ihres Landes. Aber: \u00abIn der T\u00fcrkei ist alles ein bisschen anders; ein bisschen schwieriger als hier\u00bb, sagt \u00d6zlem. Sie meint damit die Strukturen des Skiverbands. Von professionellen Trainings kann sie in der kleinen Skination nur tr\u00e4umen. \u00abIdeen f\u00fcr Verbesserungen gibt es viele. Aber die stossen meist auf taube Ohren\u00bb, meint sie. Renntaugliche Trainingspisten gibt es wenige. Und um diese zu erreichen, steht ein mehrst\u00fcndiger Inlandflug von Istanbul in den Osten des Landes an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00abOne-Woman-Show\u00bb in S\u00fcdkorea<\/strong><br>Es ist Winter in S\u00fcdkorea. Temperaturwerte im zweistelligen Minusbereich erschweren das Atmen. \u00d6zlem l\u00e4chelt. Sie hat es ins olympische Dorf geschafft. Zusammen mit einem weiteren Skirennfahrer, drei Langl\u00e4ufern, einem Skispringer und zwei Eiskunstl\u00e4ufern vertritt sie die T\u00fcrkei 2018 an den Olympischen Winterspielen. Acht Athleten vertreten 82 Millionen Einwohner. Viel Vorlaufzeit, um den Karriereh\u00f6hepunkt zu planen, blieb \u00d6zlem nicht. \u00abIch erfuhr zehn Tage vor Beginn der Spiele via Instagram, dass ich selektioniert wurde.\u00bb Einen Trainer stellt der t\u00fcrkische Verband f\u00fcr die beiden Athleten. Die Ski muss \u00d6zlem selbst f\u00fcr die pickelharten Kunstschneepisten pr\u00e4parieren. Das Abenteuer Olympia wird f\u00fcr sie zur \u00abOne-Woman-Show\u00bb. Die Nervosit\u00e4t vor dem ersten von zwei Rennen steigt ins Unermessliche. \u00d6zlem bringt ihre zwei Riesenslaloml\u00e4ufe ins Ziel, klassiert sich auf Position 57. Auf Siegerin Mikaela Shiffrin verliert sie knapp 33 Sekunden. Trotzdem: \u00abIch war \u00fcbergl\u00fccklich, dass ich es ins Ziel geschafft habe\u00bb, sagt \u00d6zlem. Eine riesige Last f\u00e4llt von ihren Schultern. Der Druck hinterl\u00e4sst seine Spuren: \u00d6zlem k\u00e4mpft danach tagelang mit einer Magendarmgrippe. \u00abDer Arzt meinte, das liege am Stress\u00bb, erinnert sie sich. Sie geht geschw\u00e4cht ins Slalomrennen. Kraftlos scheidet sie im ersten Lauf aus. Trotzdem: \u00abDie Olympischen Spiele waren eine wunderbare Erfahrung. Viel mehr als die Rennen genoss ich die Zeremonien\u00bb, res\u00fcmiert \u00d6zlem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Coach zur\u00fcck nach Saas-Fee<\/strong><br>Es ist Sommer auf dem Feegletscher. \u00d6zlem hat ihr Studium in industriellen Ingenieurwissenschaften abgeschlossen. Im B\u00fcro hielt sie es bislang nur kurz aus: \u00abIch kann nicht still sitzen\u00bb, sagt sie. Lieber gibt sie ihre Erfahrungen als Skirennfahrerin an junge Athleten aus ihrer Heimat weiter. Sie trainiert in Saas-Fee Jugendliche aus der T\u00fcrkei. Ein grosser Teil ihres Wissens, sagt sie, verdanke sie David Prades. Der Spanier ist Direktor von Ski Zenit, einer Skischule, die sich in Saas-Fee mit Camps f\u00fcr Rennfahrer einen Namen gemacht hat. Hier ist \u00d6zlem nicht die einzige Exotin: \u00abZu uns kommen Athleten aus der ganzen Welt. Wir trainieren mit Chinesen, Iranern oder US-Amerikanern\u00bb, sagt David. 2013 trainierte \u00d6zlem zum ersten Mal mit David. \u00abEr hat mich nicht nur mit meiner Skitechnik weitergebracht. Es passt auch menschlich. Mittlerweile sind wir Freunde\u00bb, sagt sie. Der Trainer ist ebenfalls zufrieden: \u00abWenn man bedenkt, wie wenig Unterst\u00fctzung sie von ihrem Landesverband erh\u00e4lt, dann ist \u00d6zlems Weg schon sehr erstaunlich \u00bb, sagt David. \u00abSie ist sehr engagiert und liebt ihren Sport wirklich sehr.\u00bb David hofft, dass \u00d6zlem bald auch f\u00fcr Ski Zenit als Coach arbeitet. \u00abWir haben schnell gemerkt, wie sehr sie Saas-Fee und Ski Zenit liebt. Es w\u00e4re wirklich toll, wenn \u00d6zlem ein Teil unseres Teams werden w\u00fcrde.\u00bb Tats\u00e4chlich hat es Saas-Fee der t\u00fcrkischen Skirennfahrerin angetan. Sie ist begeistert von den kleinen Elektrofahrzeugen, die die G\u00e4ste transportieren: \u00abEs scheint, als w\u00fcrde man hier zur Natur wirklich Sorge tragen.\u00bb Und langweilig werde es einem in Saas-Fee w\u00e4hrend der Trainingscamps auch nie. \u00abEs gibt immer irgendwas zu entdecken\u00bb, sagt sie. Besonders in Erinnerung bleibt ihr der Klettersteig Mittaghorn: \u00abAm Ende des Tages war ich ziemlich ersch\u00f6pft. Aber es war wundersch\u00f6n.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3514\" srcset=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-370x555.jpg 370w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-440x660.jpg 440w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/prade_david-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption>David Prades ist Direktor von Ski Zenit, einer Skischule, diesich in Saas-Fee mit Camps f\u00fcr Rennfahrer einen Namen gemacht hat. Hier ist \u00d6zlem keine Exotin: \u00abZu uns kommen Athleten aus der ganzen Welt. Wir trainieren mit Chinesen, Iranern oder US-Amerikanern\u00bb, sagt David.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Noch hat \u00d6zlem aber auch als Skirennfahrerin Ziele. Ihr gr\u00f6sster Wunsch ist die nochmalige Teilnahme an den Olympischen Winterspielen. Diese stehen im Februar 2022 in China auf dem Programm. \u00abWir haben 82 Millionen Menschen in der T\u00fcrkei. Mein Land als beste Athletin in meinem Sport zu vertreten, gibt mir so viel Motivation\u00bb, sagt \u00d6zlem. Die K\u00e4mpferin tr\u00e4umt ihren Traum weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>82 Millionen Einwohner z\u00e4hlt ihre Heimat. Doch \u00d6zlem Carikcioglu ist als Skirennfahrerin eine Exotin auf dem Gletscher von Saas-Fee. Unterkriegen l\u00e4sst sie sich trotzdem nicht. Es ist Fr\u00fchling in Istanbul. Kein gew\u00f6hnlicher. Denn die M\u00e4rkte sind leer und fast alle Gesch\u00e4fte geschlossen. 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