{"id":2891,"date":"2020-01-08T09:49:24","date_gmt":"2020-01-08T08:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/?p=2891"},"modified":"2023-10-22T14:30:31","modified_gmt":"2023-10-22T12:30:31","slug":"der-behueter-des-gletschers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/2020\/01\/der-behueter-des-gletschers\/","title":{"rendered":"Der Beh\u00fcter des Gletschers"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Glaziologe Felix Keller will unsere Gletscher retten. Er h\u00e4lt sein Projekt f\u00fcr utopisch, glaubt aber gleichwohl an dessen Umsetzung.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Felix Keller \u00fcber sein Projekt spricht, leuchten seine Augen. Es sind blaue, wache Augen in Gletscherfarben. Seine Lieblingsfarben waren seit jeher Blau und Weiss. Der 56-j\u00e4hrige Naturwissenschaftler und Glaziologe hat eine Vision: Er will den Morteratschgletscher in Sedrun vor dem vollst\u00e4ndigen Abschmelzen bewahren. Wobei es ihm \u00abeigentlich nicht um die Gletscher, sondern vielmehr um das Wasser der Gletscher\u00bb geht.<\/p>\n<p>In der Schweiz sind 57 Milliarden Kubikmeter Wasser als Eis in den Gletschern gespeichert. Es ist wertvolles Wasser. Schrumpfen die Gletscher, werden die Fl\u00fcsse immer weniger Wasser f\u00fchren. Bleiben im Sommer Niederschl\u00e4ge aus, verhindert nur das Gletscherwasser das Austrocknen der Fl\u00fcsse im Tal. Sind die Gletscher einmal weg, wird die Wasserversorgung, so wie wir diese heute kennen, voraussichtlich nicht mehr funktionieren.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren war Felix Keller mit seinem damaligen Vorgesetzten am Bildungsinstitut Academia Engiadina in Samedan beim Mittagessen. \u00abWenn du als Glaziologe etwas wert w\u00e4rst, solltest du den Morteratschgletscher retten\u00bb, frotzelte dieser damals. \u00abVergiss das, das geht nie!\u00bb, war Kellers Antwort. Vergessen konnte Keller die im Spass an ihn gerichtete Aufforderung zur Rettung des Gletschers allerdings nicht. Schon am n\u00e4chsten Tag beim Fischen an einem Wildbach begann er die M\u00f6glichkeiten und Unm\u00f6glichkeiten eines solch ambiti\u00f6sen Projektes durchzudenken. Ob Glas, Metall, Kunststoff oder Papier \u2013 vieles wird heute sinnvoll wiederverwendet, \u00fcberlegte er sich. Wieso nicht auch das Schmelzwasser der Gletscher?<\/p>\n<p>Keller fand auch nach mehrmaligem Drehen und Wenden aller ihm bekannten Fakten keinen Grund daf\u00fcr, dass die Rettung eines Gletschers nicht gelingen k\u00f6nnte. Das Projekt war geboren. Die Frage, die er sich stellte: \u00abSollen wir versuchen, f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen Gletscher als S\u00fcsswasserspeicher zu erhalten?\u00bb Keller pr\u00e4sentierte die Idee dem befreundeten Glaziologen Hans Oerlemans von der Universit\u00e4t Utrecht. Messreihen dieser Universit\u00e4t seit 1994 machen den Morteratschgletscher hinsichtlich der Energiebilanz zum weltweit am besten untersuchten Gletscher. Oerlemans erkl\u00e4rte das Projekt, anders als von Keller erwartet, als durchaus realisierbar, empfahl aber, aus einem Teil des Schmelzwassers Schnee zu produzieren und diesen Schutz vor der Sonneneinstrahlung auf einem Teil des Gletschers anzubringen. Hochrechnungen folgten. Falls im Sommer zehn Prozent der Gletscherfl\u00e4che schneebedeckt gehalten werden k\u00f6nnten, w\u00fcrde der Gletscher in vielleicht zehn Jahren wieder anfangen zu wachsen. Dies w\u00e4re eine Sensation. Die Dimensionen daf\u00fcr sind allerdings gigantisch. Eine Million Quadratmeter m\u00fcssten meterdick beschneit werden. In der daf\u00fcr geeigneten Zeit zwischen Winter und Fr\u00fchsommer br\u00e4uchte es dazu 30\u2019000 Tonnen Schnee. Jeden Tag! Dies im Hochgebirge und m\u00f6glichst ohne den Einsatz von Strom. Mit solchen Dimensionen konfrontiert, standen Keller abermals schlaflose N\u00e4chte bevor.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00abFalls zehn Prozent der Gletscheroberfl\u00e4che <\/em><em>schneebedeckt gehalten werden k\u00f6nnte,<\/em><br \/>\n<em>w\u00fcrde der Gletscher in vielleicht zehn Jahren <\/em><em>anfangen zu wachsen.\u00bb<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_2893\" aria-describedby=\"caption-attachment-2893\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2893 size-large\" src=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"711\" srcset=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-370x555.jpg 370w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A8744-440x660.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2893\" class=\"wp-caption-text\">Felix Keller (56) ist in Samedan aufgewachsen und hat drei Kinder. Er ist Co-Leiter des heutigen Europ\u00e4ischen Tourismus Instituts an der H\u00f6heren Fachschule f\u00fcr Tourismus in Samedan und Dozent mit den Schwerpunkten Tourismusgeografie, Raummanagement, Auslandseminare und Methodenlehre.<br \/>Bild: Bruno Bolinger<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als passionierter Geiger g\u00f6nnt sich Keller allmorgendlich eine halbe Stunde Musizieren. \u00abDas t\u00e4gliche Geigenspiel weckt meine Kreativit\u00e4t\u00bb, sagt er. Auf diese ist Keller immer wieder angewiesen, um neue L\u00f6sungen zu finden. So plant er die Schneeerzeugung mit einer in der Schweiz patentierten Schneelanze, die ohne Strom auskommt. Das Ausbringen des Schnees soll dank dem Einsatz von Seilbahnen \u00fcber den Gletscher gelingen. Bald sollen auch Eingaben f\u00fcr F\u00f6rdergelder erfolgen und ein Prototyp in Zusammenarbeit mit Industriepartnern die praktische Machbarkeit unter Beweis stellen.<\/p>\n<p>Die Kosten des Gesamtprojektes werden f\u00fcr die n\u00e4chsten 30 Jahre auf 100 Millionen Franken gesch\u00e4tzt. \u00abDas sind nur ein paar Millionen Franken pro Jahr. Wenn dadurch verhindert werden kann, dass auch nur ein Fluss in einem der n\u00e4chsten trockenen Sommer austrocknet, w\u00e4re das gut investiertes Geld\u00bb, ist Keller \u00fcberzeugt. Er geht noch einen Schritt weiter: \u00abIch empfehle, sobald als m\u00f6glich in allen sechs Einzugsgebieten grosser Fl\u00fcsse in der Schweiz je einen Gletscher mit unserer Methode zu behandeln.\u00bb<\/p>\n<figure id=\"attachment_2894\" aria-describedby=\"caption-attachment-2894\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2894\" src=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"711\" srcset=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-370x555.jpg 370w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/L9A9299-440x660.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2894\" class=\"wp-caption-text\">Sogenannte Eis-Stupas sind Kegel aus gefrorenem Wasser. Sie werden in den Wintermonaten von Menschenhand erzeugt und dienen im Himalaya in den Trockengebieten als Wasserspeicher. Im Fr\u00fchling erm\u00f6glichen sie die Bew\u00e4sserung von Kulturland.<br \/>Bild: Bruno Bolinger<\/figcaption><\/figure>\n<p>Keller sagt, dass es am wichtigsten w\u00e4re, die Ursachen des Klimawandels grunds\u00e4tzlich anzugehen, statt sich nur den Symptomen zuzuwenden. \u00abIch w\u00fcnsche mir, dass wir es schaffen, mit diesem Projekt m\u00f6glichst viele Menschen f\u00fcr einen nachhaltigen Klimaschutz zu begeistern. Einen Klimaschutz, der vom Einzelnen nicht als notwendiges \u00dcbel angesehen wird, sondern als breiter Trend, der uns alle zum Handeln animiert.\u00bb<\/p>\n<p>Felix Kellers Begeisterung f\u00fcr Umweltthemen und f\u00fcr sein Gletscher-Rettungsprojekt ist ansteckend. Auch in der Kommunikation und Motivation f\u00fcr den Klimaschutz ist Keller aktiv. So organisierte er letztes Jahr ein medien- und publikumswirksames Konzert auf dem Persgletscher. Und er ist Botschafter des internationalen Projektes \u00abI am pro Snow\u00bb, das Wintersportorte, Wintersportler und Firmen dazu motiviert, dem Klima und dem Schnee zuliebe auf erneuerbare Energien umzusteigen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Anliegen von Felix Keller sind die Wasser- und Gletscherprobleme im Himalaya, zu deren L\u00f6sung er gerne beitragen m\u00f6chte. Die Kontakte daf\u00fcr sind bereits gekn\u00fcpft. Aus dem Himalaya stammt auch die preisgekr\u00f6nte Idee f\u00fcr Eis-Stupas. Dies sind Schmelzwasserspeicher in Form von riesigen, oft 20 oder gar 30 Meter hohen Eiskegeln. In den Wintermonaten errichtet, wird mit deren Wasser im Fr\u00fchling im schnee- und niederschlagsarmen Gebirgsland Ladakh die Bew\u00e4sserung der Felder sichergestellt. Um auf das Projekt hinzuweisen, werden auf Initiative Kellers auch im Engadin bei der Bahnstation Morteratsch seit einigen Jahren Eis-Stupas in etwas kleineren Dimensionen nachgebaut. Bei alledem bleibt Felix Keller bescheiden, denn er ist sich bewusst, dass es nicht an ihm allein liegen wird, wenn dereinst die Gletscher \u00fcberleben sollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Glaziologe Felix Keller will unsere Gletscher retten. Er h\u00e4lt sein Projekt f\u00fcr utopisch, glaubt aber gleichwohl an dessen Umsetzung. Wenn Felix Keller \u00fcber sein Projekt spricht, leuchten seine Augen. Es sind blaue, wache Augen in Gletscherfarben. Seine Lieblingsfarben waren seit jeher Blau und Weiss. 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