{"id":2815,"date":"2019-10-09T16:33:08","date_gmt":"2019-10-09T14:33:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/?p=2815"},"modified":"2023-10-22T14:33:05","modified_gmt":"2023-10-22T12:33:05","slug":"ikarus-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/2019\/10\/ikarus-2-0\/","title":{"rendered":"IKARUS 2.0"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er ist nicht aufzuhalten, unbeugsam, st\u00fcrmisch. Profi-Snowboarder, Musiker, Freigeist. Grenzen kennt er nicht, H\u00fcrden stoppen ihn nicht, vorgefertigte Normen akzeptiert er nicht. Pat Burgener fliegt zur Sonne und weiter \u2013 seine Fl\u00fcgel beh\u00e4lt er.<\/strong><\/p>\n<p>Pat Burgener wurde 1994 zwischen zwei Br\u00fcdern, Max und Marc-Antoine, in Lausanne geboren. Den drei S\u00f6hnen sagten die Eltern: \u00abIhr spielt alle ein Instrument und macht einen Sport.\u00bb Mit f\u00fcnf begann Pat, Gitarre zu spielen, im Sport kam zuerst Tennis, dann Skifahren, letztlich Snowboard. In der Schule war er ungl\u00fccklich, wollte sich mit Sprachen, Musik und Kunst besch\u00e4ftigen. Mit Mathematik, Biologie und Chemie war der Wildfang nicht auf dem Stuhl zu halten. Er rebellierte.<\/p>\n<p><strong>Leiden eines Freidenkers<\/strong><br \/>\n\u00abSchule hat mir nichts gebracht \u2013 wirklich gar nichts!\u00bb, sagt der heute 25-j\u00e4hrige Pat mit Nachdruck. Wir sitzen in einem Caf\u00e9 in Lausanne, die Sonne l\u00e4sst das Kopfsteinpflaster in der Altstadt aufleuchten, auf dem Tisch vor uns stehen zwei Rooibos-Tees. \u00abViele haben mir damals das Leben schwer gemacht, einfach weil ich diesen \u2039normalen\u203a Weg hinterfragt habe und immer f\u00fcr meine Werte eingestanden bin\u00bb, erz\u00e4hlt er und nimmt einen Schluck Tee. \u00abWir geben allgemein zu viel auf das, was andere denken oder was uns das System vorgibt. Ich bin kein respektloser Mensch, weisst du. Wirklich nicht. Aber wir m\u00fcssen uns aus vorgefertigten Mustern befreien, um unseren eigenen Weg zu finden.\u00bb Wer nicht f\u00fcr seine Werte einstehe, lasse andere sein Leben bestimmen. Eine Verschwendung, findet Pat. Auch er musste das erst lernen. \u00abLange habe ich mich sogar gesch\u00e4mt, zu sagen, dass ich Profi-Snowboarder bin\u00bb, sagt er und fixiert meine Augen, wie um die Bedeutungsschwere des Satzes in mir nachhallen zu lassen. Dann f\u00e4hrt er fort: \u00abAber der Beruf Snowboarder, dieser Lebensweg, hat nicht im System existiert, also war er falsch.\u00bb F\u00fcr Freigeist Pat ein unsinniges und langweiliges Gedankengef\u00e4ngnis. Alles, was nicht Business sei, habe einen schweren Stand in der Schweiz. So auch Sport und Musik.<\/p>\n<p>Aber Pat liess sich von den eng gezogenen Grenzen landl\u00e4ufiger Wertvorstellungen und akzeptierter Biografien nicht aufhalten. Der Vater mietete jeden Sommer eine Wohnung in Saas-Fee, damit Pat ganzj\u00e4hrig aufs Brett konnte. Wie \u00fcblich ignorierte er, was alle anderen machten, und konzentrierte sich nicht auf eine Disziplin. Er machte alles \u2013 Halfpipe, Slopestyle und Big Air. Mit 14 kam das Ausnahmetalent ins Schweizer Nationalteam und stieg voller Tatendrang sofort aus der Schule aus. Schnell wurde er zum Shootingstar der Nationalmannschaft, alles beobachtete ihn, erwartete olympische Medaillen.<\/p>\n<p><strong>Gefahren des Ruhms<\/strong><br \/>\n\u00abWie hat dich der Ruhm in jungen Jahren ver\u00e4ndert?\u00bb, frage ich, und Pat schweigt kurz. \u00abEs war nie mein Ziel, ber\u00fchmt zu werden. Ich habe einfach meinen Weg gesucht und musste meinem Herzen folgen\u00bb, sagt er dann. Aber mit 14 um die Welt zu reisen, nur Rampenlicht und Pisten \u2013 das birgt Gefahren. Pats rebellischer Charakter, sein Unverm\u00f6gen, Grenzen zu akzeptieren, und sein Drang, das Leben in vollen Z\u00fcgen zu geniessen, beendeten fast seine junge Karriere. Die Siege blieben aus, st\u00e4ndig war er verletzt. \u00abDer Druck war zu gross, ich war abgelenkt\u00bb, erz\u00e4hlt er weiter. Die Verletzungen haben 2013 angefangen, eine nach der anderen. \u00abPl\u00f6tzlich habe ich angefangen zu verstehen: Mit Snowboarden k\u00f6nnte es jetzt vorbei sein. 2014 war ich so weit weg vom Fenster, dass ich \u00fcberlegt habe, aufzuh\u00f6ren\u00bb, erz\u00e4hlt er n\u00fcchtern. Von der Piste verbannt, wandte er sich der Musik zu, spielte tagelang Gitarre und Klavier, komponierte Lieder aus seinen \u00c4ngsten. Er fand Ruhe darin und Inspiration \u2013 St\u00e4rke, letztlich sich selbst. Die Musik machte ihn bescheiden, er fand wieder Bodenhaftung. Der Sprung zur\u00fcck an die Weltspitze im Snowboard schaffte er leicht.<\/p>\n<p><strong>Freiheit und der Sinn des Lebens<\/strong><br \/>\n\u00abIch brauche die Musik neben dem Sport. Sie erdet mich, macht mich stark\u00bb, erkl\u00e4rt er und l\u00e4sst seinen Blick durch das Caf\u00e9 schweifen. W\u00e4hrend er lebhaft weitererz\u00e4hlt, wird der Tee in seiner Tasse kalt. Neben der Snowboarder-Karriere schreibt Pat Songs, nimmt sie auf, produziert seine eigenen Videos, geht auf Tour. Mittlerweile steht er bei Universal Music unter Vertrag. Er habe aber nur unter der Bedingung unterschrieben, dass er alle k\u00fcnstlerische Freiheit behalte, wie er betont. Da ist er kompromisslos. Wie er denn Freiheit definiere? Ich erwarte eine betretene Stille. Aber Pats Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: \u00abGanz einfach: jeden Tag zu entscheiden, wohin du gehst und was du tust. Du steuerst dein Leben, niemand sonst.\u00bb Ich hole zum zweiten Schlag aus: \u00abBist du denn frei?\u00bb Er lacht. \u00abIch bin der freiste Mensch der Welt! Ich bin an einem Punkt angekommen, wo mir niemand irgendwelche Vorschriften macht oder entscheidet, was ich zu tun habe. F\u00fcr diese Freiheit habe ich lange gek\u00e4mpft\u00bb, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00abLange habe ich mich gesch\u00e4mt, zu sagen, <\/em><br \/>\n<em>dass ich Profi-Snowboarder bin!\u00bb<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_2822\" aria-describedby=\"caption-attachment-2822\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2822\" src=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"711\" srcset=\"https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-370x555.jpg 370w, https:\/\/www.saas-fee.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/EC_-0934-440x660.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2822\" class=\"wp-caption-text\">Pat verreist oft allein, um sich immer wieder Neuem auszusetzen. Wenn er reist, hat er immer die Gitarre dabei.<br \/>(Instagram: @patburgener)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Ikarus und die Moral der Geschichte<\/strong><br \/>\nWir sprechen noch eine Weile \u00fcber seine Songs, dann \u00fcber sein letztes Album. Mittlerweile ist es dunkel geworden, wenig sp\u00e4ter wird Pat im Klub unter dem Caf\u00e9 auf der B\u00fchne stehen. Er will seine Stimme eigentlich schonen. Aber warum er sein Album \u00abIcar\u00bb getauft hat, will er mir noch erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u00abDu kennst doch den Mythos. Die landl\u00e4ufige Moral der Geschichte ist, dass man nicht \u00fcberm\u00fctig werden und nach den Sternen greifen soll, sonst passiert etwas Schlimmes. Das ist aber nicht die gesamte Geschichte. Ikarus Vater hat n\u00e4mlich gesagt, dass er nicht zu hoch und nicht zu tief fliegen soll. Eigentlich heisst das nichts anderes als: Bitte immer sch\u00f6n in der Mitte und ja nicht ausscheren. Genau das aber sollten wir nicht tun, wir sollten alle unseren eigenen Weg finden! Wir sollten alle Ikarus folgen und so hoch fliegen, wie wir wollen und k\u00f6nnen!\u00bb Pats Stimme bebt vor Leidenschaft. \u00abAber im Mythos stirbt Ikarus doch am Ende? Sein Tod war die Strafe f\u00fcr den unversch\u00e4mten Griff nach dem G\u00f6ttlichen \u2026\u00bb, erwidere ich, angestrengt mein Mythologiewissen bem\u00fchend. Pat sch\u00fcttelt den Kopf: \u00abGenau das ist das Problem! Der Ikarus-Mythos wird so gedeutet, aber wer hat sich wohl diese Botschaft ausgedacht? Man muss das Leben leben! Lass dir von niemandem sagen, wie hoch du fliegen oder wohin du gehen kannst. Niemand sagt mir, ob ich zur Sonne fliegen kann oder noch weiter. Selbst wenn es einmal zu hoch geht, st\u00fcrzt du halt ab, stehst auf und machst weiter. Aber wenn du aus Angst nie aus der Reihe tanzt, folgst du deinem Herzen nicht und kannst dein Gl\u00fcck nie finden. Aber das hat jeder von uns verdient. Nicht?\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00abFreiheit ist, jeden Tag zu ent-scheiden,<br \/>\nwohin du gehst und was du tust.\u00bb<\/p>\n<p>Bilder: Wabs\/Etienne Claret<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist nicht aufzuhalten, unbeugsam, st\u00fcrmisch. Profi-Snowboarder, Musiker, Freigeist. Grenzen kennt er nicht, H\u00fcrden stoppen ihn nicht, vorgefertigte Normen akzeptiert er nicht. Pat Burgener fliegt zur Sonne und weiter \u2013 seine Fl\u00fcgel beh\u00e4lt er. Pat Burgener wurde 1994 zwischen zwei Br\u00fcdern, Max und Marc-Antoine, in Lausanne geboren. 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